Mittwoch, 11. Dezember 2013

11. Dezember 2013


Es war keine Liebe drin 

Es war einem Tage kurz vor Weihnachten auf einem Rundgang durch ein Altenheim.
Zu dem Zimmer eines alten Herrn, der alleine für sich wohnte, war vor einer Viertelstunde noch die Paketpost heraufgekommen. Darum wunderte ich mich nicht, dass auf mein Klopfen zunächst keine Antwort kam. "Aha, das Weihnachtspaket!" dachte ich. Tatsächlich, als es endlich hiess: "Herein!" stand der alte Herr vor dem Tisch und stocherte in dem eben geöffneten Paket. Man sah auf den ersten Blick, dass es ein reiches Paket war. Später hörte ich, dass die Absenderin, die Tochter des alten Herrn, eine reiche Geschäftsfrau war. 

Damals litten alle Leute Not und Mangel. Es war die Hungerzeit nach den Zweiten Weltkrieg. Doch in diesem Paket sah man Zigarren, Taback, Cognac, Rotwein, gefütterte Schuhe, warme Sachen - alles was man sich ersehnen konnte. Der alte Herr aber machte zu all dem nur ein mürrisches Gesicht. Kein Fünkchen Freude war zu sehen. "Aber, Herr Becker", sagte ich jetzt, "wie kann man vor solch einem Weihnachtspaket solch ein trauriges Gesicht machen? Da ist doch alles Gute drin!" Da sah mich der alte Herr an und sagte: "Da ist keine Liebe drin!" 

Dann begann er von der reichen Tochter zu erzählen. Sie hatte das Paket von den Angestellten packen lassen. Sie hatte eine billige, vorgedruckte Weihnachtskarte geholt und darunter geschrieben: "Deine Tochter Luise und Schwiegersohn". Sonst nichts, kein persönlicher Weihnachtswunsch, kein Besuch, keine Einladung: "Feiere das Fest mit uns!" 

Die bestens ausgesuchten Geschenke waren Stück für Stück noch mit den Preisschildern versehen, damit der alte Vater merken sollte, was man für ihn ausgegeben hatte. Er hatte recht: "Es ist keine Liebe darin!" Die schönsten und reichsten Geschenke sind nichts wert und können keine Freude machen, wenn keine Liebe darin ist.

Von Wilhelm Busch

1 Kommentar:

  1. So ein Paket könnte, leider, durchaus auch aus heutiger Zeit stammen !
    Eine sehr nachdenklich stimmende Erzählung, die der berühmte Wilhelm Busch da erzählt hat.
    Liebe Grüße
    Jutta

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